Der Tag danach Es ist ein seltsamer Schwebezustand in dem ich mich befinde, halb zwischen wachen und schlafen. Die Aboriginis in Australien nennen diesen Zustand die Traumzeit. Man sieht Dinge die nicht da sind und hört Worte die niemals gesprochen wurden. Für die Aboriginis ist dieser Zustand heilig (was eigentlich ziemlich tief blicken läßt), für mich ist er nur die Nachwirkung der Silvesterparty. Auf der einen Seite ist dies ein Zustand höchster Produktivität, da ich niemals anfange über das nachzudenken was ich gerade tue (dazu bin ich sowieso zu müde), sondern einfach nur das logisch Nächstliegende in Angriff nehme (nach langen Denkphasen um das Logischste herauszufinden und unlogische Verhaltensweisen wieder rückgängig zu machen), auf der anderen Seite ist dieser Zustand wiederum dem eines Schwachsinnigen sehr ähnlich. Man steht in der Gegend herum, stiert Löcher in die Luft und versucht krampfhaft seiner Gedanken habhaft zu werden, während man vielleicht noch etwas in seinen nicht vorhandenen Bart murmelt. Dann geht man Schritt für Schritt vor. Zum Beispiel zwingt man sich erst einmal den Rasierer aus der Hand zu legen und die Seife zu dem dazugehörigen Waschlappen an der Rechten, in die Linke zu nehmen. Dann beginnt das Nächstlogische, man säubert sich um wenigstens etwas Frische in diesen Zustand zu bringen, und man versucht natürlich auch, keine dieser kläglichen Figuren abzugeben, die die Morgentoilette einer Ente nachahmen.
Wenn dann die Runde durch das Bad ihr Ende gefunden hat, fühlt man sich schon besser. Die Illusion mental wieder topfit zu sein stellt sich meist sofort ein und hält dann bis zum ersten unkontrollierten Gekicher bei den Erinnerungen an den vorangegangen Abend an. Eine Party als Antialkoholiker zu erleben ist ein unbeschreibliches Erlebnis. Man reißt einen halbherzigen Witz und das Gegenüber liegt vor lachen, man beobachtet die Leute die sich richtig den Schädel zudröhnen und freut sich bereits auf ihre Gesichter am nächsten Morgen, wenn die Betroffenen sich von ihren unbequemen Nachtlagern erheben, angewidert den Frühstückstisch betrachten und dann nur noch in der Lage sind sich einen doppelten Orangensaft einzuschenken, diesen hinterzuschütten und dann in ihrem Elend zu versinken (während man ihre Scherze und Slapstick Einlagen einfach genießt). Und was das Schönste ist: man kann sich selber, bei vollem Bewußtsein, Dinge erlauben, die man sonst niemals wagen würde, Dinge wie dem Leithammel Gummibärchen an den Kopf zu werfen, worauf dieser nicht irritiert, sondern fröhlich lachend einfach zurückschießt. Ebenfalls interessant zu beobachten ist das langsame Abnehmen der Hemmungen vor dem anderen und dem eigenen Geschlecht. Das Simulieren periphere Ladungen an den Vordermann zu verteilen, scheint ebensowenig auf Verwunderung oder gar Abscheu zu stoßen, wie das Verhalten angeheiterter Frauen, die danach streben jemandem die Hose zu entwenden um sich dann später mit ein paar dicken Knutschflecken bei dem Betroffenen zu entschuldigen (zumal sich eine der Vertreterinnen dieser Verhaltensweise einige Stunden vorher noch über die anrüchige Auslegung eines Versprechers pikiert hat) Betrunkene Leute sind etwas herrliches, aber noch herrlicher ist es sie im nüchternen Zustand zu erleben. Deswegen empfehle ich jedem oder auch jeder, der/die einmal neue Einblicke in menschliche Absurditäten gewinnen möchte, der Herausforderung auf einer Party nüchtern zu bleiben zu begegnen und sich den Spaß einfach mal zu gönnen. |